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Freitag, 1. November 2019

Erster Zwischenbericht

Von Weltwärts aus, müssen alle Freiwilligen alle drei Monate einen Zwischenbericht verfassen, hier also mein erster von vier Berichten. Enjoy!



Zu Beginn schien es eine ganz normale Busfahrt zu sein. Wir stiegen in Mompiche in den Reisebus der uns nach einem Wochenende am Strand, mit den Kindern aus den Wohngruppen unserer Arbeitsstelle, wieder nach Ibarra bringen sollte. 7,5 Stunden Busfahrt hatte ich also vor mir. Anfangs saß ich am Gang neben einem Mädchen, welches, mit dem Kopf auf meinen Beinen, versuchte zu schlafen. Ich versuchte anfangs zu lesen, was ich aber aufgrund der Geräuschkulisse im hinteren Teil des Busses schnell wieder aufgab. Nachdem ich dann ein bisschen Kinder bespaßte und ermahnte, sich doch bitte wieder auf ihre Plätze zu setzen, wollte das Mädchen neben mir sich an den Gang setzen. Also ging ich ans Fenster.

Nach kurzer Zeit hatte ich das Bedürfnis das Fenster des Busses ganz aufzumachen und sofort packte mich eine warme Sommerbrise, die meine Haare in den Bus wehte und mein Top wedeln ließ. Ich schaute gedankenverloren dabei zu, wie kleine Dörfer, die berühmten tiendes (Geschäfte am Straßenrand), Wälder, Flüsse, Seen und alles was man sich so noch an Natur vorstellen kann, an mir vorbeizogen. Als ich all diesem schon eine ganze Weile zusah und einfach nur die Natur genoss, überkam mich ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Gefühl von vollster Zufriedenheit. Ich hatte in diesem Moment nicht, wie sonst eigentlich immer, das Bedürfnis zu lesen, zu lernen oder sonst etwas produktives zu tun um mich weiterzubilden. Ich schaute einfach nur aus dem Fenster und war glücklich und … es war ok so. Ich bereute es nicht meine Zeit mit sinnlosem Aus dem Fenster schauen zu „vergeuden“, denn das war es nicht. Dieser Moment gab mir so viel und ließ mich über so viel nachdenken, dass die Zeit wahrscheinlich bei weitem wertvoller genutzt wurde, als mit dem Lesen eines historischen Romans auf Spanisch – was eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, wenn es um Weiterbilden und Lernen geht. Ich starrte mehrere Stunden einfach aus dem Fenster und genoss es, mir die Zeit ganz für mich zu nehmen. Die Natur wirkte so beruhigend auf mich und doch gab sie mir so viel neue Denkanstöße. Ich vergaß alles um mich herum. Das Kindergetümmel, vorbeifahrende Autos und sonstige Geräusche, die mich normalerweise sofort ablenken würden, waren komplett ausgeblendet und die Zeit stand für ein paar Stunden einfach still.

Ich hatte meinen Kopf nicht zu weit aus dem Fenster gestreckt. Immerhin bin ich ja ein Vorbild für die Kinder, aber von verbotenen Handys war nie die Rede. Also knipste ich wie wild mit meiner Innenkamera darauf los, weil meine Außenkamera auf mysteriöse Art und Weise kaputt gegangen ist. Als ich die Bilder danach anschaute, waren sie für die Verrenkungen ganz ok, aber was ich in dem Moment fühlte, kam bei weitem nicht rüber und auch mit der Außenkamera meines Handys oder einem Video wäre das nicht viel anders gewesen. Erstens, weil Bilder nur zweidimensional sind, die Wirklichkeit aber drei Dimensionen hat und zweitens, weil man einfach live dabei gewesen sein muss, um dieses Gefühl zu erleben. Ich knipste immer wieder darauf los, weil ich alles so unglaublich schön fand und zwanghaft festhalten wollte. Beim Anschauen der Bilder stellte ich dann aber immer wieder fest, dass das einfach bei weitem nicht an die Realität herankommt. Generell weiß ich eigentlich schon beim Bilder machen, dass ich mir diese tausenden und abertausenden Bilder, die ich hier schon gemacht habe, sowieso nie wieder alle anschauen werde. Einfach weil man das Gefühl nur im Herzen und nicht auf Fotos festhalten kann. Dieses Gefühl von … Freiheit. Aber was ist das eigentlich genau?

„Freiheit wird in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können“, sagt Wikipedia. Doch kann das so einfach auf einen Satz heruntergebrochen werden? Und viel wichtiger: Was bedeutet Freiheit für mich ganz konkret? Wikipedia sagt, dass man ohne Zwang, also ohne Einfluss von außen, frei Entscheidungen treffen kann, die man selbst für richtig hält und hinter denen man zu 100% steht, aber dabei muss es gar nicht zwingend keine Regeln geben, denn kann man in den Regeln nicht auch noch selbst bestimmen, welchen Weg man geht und machen worauf man Lust hat? Ist es nicht manchmal sogar sinnvoll Regeln zu haben, die einen den Weg weisen also somit eine unterstützende Funktion haben? Und ist Freiheit nicht auch irgendwie, die perfekte Kombination im Leben zu finden, die perfekte Kombination von Arbeit und Reisen, die sogenannte Work-Life-Balance von der immer alle reden und die als so erstrebenswert gilt. Obwohl perfekt auch wieder so ein schwieriges Wort ist mit dem man aufpassen sollte, denn gibt es diese perfekte Kombination überhaupt? Ist nicht „perfekt“ ein komplett subjektives Empfinden? Hat nicht jeder eine eigene, ganz subjektive Vorstellung, von den Dingen die ihn glücklich machen und die er in seinem Leben haben will?

Fragen über Fragen, die durch meinen Kopf schwirrten als ich da so ganz abwesend aus dem Fenster des Reisebusses schaute und meine Gedanken einfach so kommen und gehen ließ. Und als die Natur so an meinem Fenster vorbeizog, war sie so nah und greifbar und gleichzeitig nahm ich die unendliche Weite war, die die Natur mir bot. Da wurde mir wieder klar, wie groß die Welt doch ist und was für einen kleinen Teil wir doch ausmachen, einen kleinen aber nicht unbedeutenden, sondern wichtigen Teil. Denn egal wie klein der Anteil ist, denn wir auf der Erde beitragen, wenn er nicht da ist, fehlt etwas. Es ist wie ein großes Puzzle, fehlt ein Stück – und ist es noch so klein – ist das Puzzle nicht vollständig.

Plötzlich realisierte ich, dass das in der Natur sein und diese einfach genießen eines dieser Dinge ist, die ich in der Vergangenheit viel zu wenig gemacht habe und die definitiv in meiner ganz persönlichen perfekten Kombination meines Lebens in Zukunft mehr Platz einnehmen soll und auch hoffentlich wird, denn dieser kleine Moment am Fenster hat mir unglaublich viel gegeben und wer weiß was für Erkenntnisse noch in mir schlummern, die auch alle noch entdeckt werden wollen. So ist eine Reise ins Fremde und Unbekannte, eigentlich immer wieder eine Reise zu einem selbst.

In solchen Situationen wird mir dann wieder bewusst, was ich doch für ein Privileg habe, das ich hier gerade meinen Traum leben darf und solche Erkenntnisse habe und mir wird immer mehr bewusst, wie wichtig es ist auch die kleinen und unscheinbaren Dinge zu genießen, weil sie so schnell wieder vorbei sein können, aber doch so wertvoll sind und es schade wäre sie nicht zu beachten und im Herzen mitzunehmen.

Irgendwann machte ich das Fenster wieder zu, weil die Sonne mittlerweile untergegangen war und es im Top langsam echt kalt wurde. Ohne die Brise, die meine Haare in den Bus wehte und mein Top wedeln ließ, war es schon gleich ein ganz anderes Gefühl und der fast schon magische Moment verschwand so schnell wie er gekommen war. Als wäre das Fenster des Busses eine Tür zu einer ganz anderen Welt … einer Welt in der die Gedanken und Gefühle sich frei austoben können. Und auch wenn dieses Gefühl erst mal weg war, die Erinnerungen bleiben in mir und ich bin dem Mädchen neben mir so unendlich dankbar für diesen Moment am Fenster, den ich ohne sie wahrscheinlich nie gehabt hätte, auch wenn sie sich einfach nur einen Vorteil verschaffen wollte, um näher und schneller am Essen zu sein.

Mittwoch, 11. September 2019

Meine neue Heimat

Seit ziemlich genau 3 Wochen lebe ich mittlerweile schon in Ibarra und ich muss ehrlich sagen, als ich gerade "leben" geschrieben habe, war das schon ein komisches, aber gleichzeitig auch unglaublich schönes Gefühl. Ich mag es ein Land auch mal von einer anderen Seite zu sehen und nicht nur Touri zu sein. Wenn ich zur Zeit alleine durch die Straßen Ibarras (Bilder 1-3) laufe, vorbei an den kleinen tiendas am Straßenrand, an denen man auch spät abends noch schnell mal eine Milch oder ein Eis holen kann, mit wunderschönen Malereien und Sprüchen (Bild 4 und 5) und umringt von einer gigantischen Bergkette (Bilder 6-8), mache ich mir immer wieder bewusst, dass ich jetzt wirklich in Südamerika lebe und das alles eigentlich erst der Anfang ist. Da ich noch immer alles mit großen Augen bestaune und mich kaum satt sehen kann an der schönen Natur, würde ich mich noch nicht als "im Alltag angekommen" bezeichnen, aber das kommt bestimmt in den nächsten Wochen. Ich finde es faszinierend, dass ich hier, wo alle Ecuadorianer nur Routine sehen, alles bewundere und ich wünschte es würde nie aufhören, denn die kleinen Dinge des Lebens bereiten ja bekanntlich am Meisten Freude.
Ich mag Ibarra sehr und ich fühle mich hier sehr wohl. Die Stadt ist nicht zu groß, aber trotzdem ist alles wichtige in Laufnähe und ich komme zu den wichtigsten Orten sogar schon ohne Google Maps - was bei meiner Orientierung echt ein Wunder ist. Unsere WG liegt ziemlich zentral, aber doch etwas abgelegen in einer Sackgasse, was ich persönlich als einen perfekten Wohnort bezeichnen würde. Gut, ich brauche zu Fuß circa 40 Minuten auf die Arbeit, aber so ein bisschen Bewegung/Sport tut echt gut und so habe ich auch genug Zeit die Stadt zu bestaunen und meine Gedanken zu sortieren. Auch von innen gefällt mir unsere WG sehr gut. Sie ist sehr einfach eingerichtet: Es gibt kaum Betten, keinen stabilen Esstisch - eher ein wackeliges Holzbrett, keine Tür zum Bad sondern nur einen Vorhang, keine warme Dusche und auch sonst keine elektrischen Geräte wie Staubsauger, Waschmaschine, Spülmaschine etc. die in Deutschland Standard sind. Außerdem sind viele Dinge kaputt oder existieren nicht mehr, aber trotzdem mag ich unsere Wohnung unglaublich gerne und fühle mich sehr wohl. Ich würde sogar sagen, gerade weil sie so einfach eingerichtet ist, mag ich sie so gerne. Ich weiß nicht genau was es ist, aber es hat schon etwas mit einem Sack voller Wäsche durch die Straßen zur nächsten Wäscherei zu laufen.
In meinem Zimmer fühle ich mich mittlerweile auch richtig wohl. Ich hatte anfangs Probleme mich damit anzufreunden, weil es sehr klein ist und auch nur ein sehr kleines Fenster hat. Des Weiteren hatten alle anderen Zimmer etwas besonderes: Schreibtisch, Bett, Schrank und/oder eine mega Aussicht und ich hatte nichts davon. Allerdings hat sich die Freiwillige, die vorher in diesem Zimmer gewohnt hat, sehr viel Mühe bei der Gestaltung gegeben und sehr viel Zeit in das Zimmer investiert und zur Freunde meinerseits so ziemlich alles auch hier gelassen (also Sarah falls du das hier je lesen solltest: nochmal herzlichsten Dank!!!). So kommt es, dass mein Zimmer mit Lichterketten, viel selbst gebastelter Deko und Bildern geschmückt ist.
Außerdem haben wir eine Dachterrasse, von der die Aussicht einfach unbeschreiblich schön ist (Video) und auf der man sich gut sonnen und nachdenken kann. Auf unseren WG-Kater Oreo (Bild 9 und 10), hatte ich mich schon lange vor Ausreise gefreut. Ich habe ihn unglaublich gerne. Auch wenn er manchmal etwas aggressiv ist, weiß ich, dass er es eigentlich nicht böse meint, sondern nur eine Schmuseeinheit braucht - das sehen meine Mitbewohner eventuell etwas anders und schmieden jetzt schon Pläne wie sie ihn wieder loswerden können...
Ja alles in allem fühle ich mich unglaublich wohl in unserer WG und ich habe sogar schon dieses "nach Hause kommen"- Gefühl, wenn ich von einem anstrengenden Arbeitstag völlig geschafft auf meine Matratze falle und es sich tatsächlich wie zuhause anfühlt - wie ein zweites Zuhause natürlich ;)












So, aber was habe ich in den letzten drei Wochen jetzt eigentlich wirklich gemacht, außer die Berge zu beobachten und einen Kater zu streicheln? Am Tag nach unserer Ankunft in Ibarra, ging es direkt zu unserer Arbeitstelle für das kommende Jahr. Dort wurden wir erst einmal eingewiesen und besuchten alle drei Kinderheime, die zur Fundación gehören (mehr zu meiner Arbeit kommt in einem separaten Post, wenn das erste Chaos überwunden ist, ich richtig eingearbeitet und mit den Abläufen vertraut bin und meine Gedanken zur Arbeit strukturiert habe). Die nächsten Tage (und Wochen) beschäftigten wir uns viel mit der Wohnungsübergabe, klärten was alles wo zu bezahlen ist, reparierten Sachen, suchten einen günstigeren Internet-Vertrag und lernten in einer Wohnung mit Gasherd ohne Gas auszukommen, denn die Gasflasche war schon direkt am ersten Tag leer und die Gasautos meinten natürlich genau dann streiken zu müssen. Außerdem liefen wir viel durch Ibarra um uns mit den wichtigsten Läden und Geschäften vertraut zu machen. Danach stellten wir uns bei der Sprachschule vor, machten dort einen Einstufungstest und am Freitag gab es in der Sprachschule eine Probestunde Salsa bei einem Kubaner. Danach gingen wir mit den Leitern der Sprachschule (was witzigerweise ein halb Italiener halb Japaner und eine indígena ist), dem Salsatrainer und seiner Frau sowie ein paar Japanern und Ecuadorianern essen und knüpften dort auch schon die ersten Kontakte zu Einheimischen. Das ist auch eine Sache, die mich hier fasziniert und die ich unglaublich toll finde: die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Ecuadorianer. Schon nach wenigen Wochen haben wir unglaublich viele Leute kennen gelernt, die uns alle ihre Hilfe angeboten haben und mit uns Ausflüge machen wollen. Am Wochenende machten wir dann unsere ersten Ausflüge (mehr dazu auch in einem baldigen separaten Post) und am Montag darauf ging auch schon die Arbeit los. Das heißt, dass unter der Woche neben der Arbeit nicht mehr viel passiert ist, weil wir dann nach gegenseitigen Berichten vom Tag einfach nur noch müde ins Bett gefallen sind. In der selben Woche bekam ich dann auch schon gleich meine erste Erkältung, die aber mit ein bisschen Pflege und ordentlich Klopapier im Gepäck (als Taschentuchersatz) nach ein paar Tage auch schon wieder abklang. Am Wochenende darauf kamen uns dann unsere Mitfreiwilligen aus Quito besuchen und wir zeigten ihnen unsere Stadt, unsere Arbeitsstelle, machten einen Ausflug und feierten auch schon die ersten zwei Geburtstage. Eine Tradition ist es hier, dass das Gesicht des Geburtstagskindes in die Torte getaucht wird - diese Tradition konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und so hatten wir für unsere zwei Ehrengäste auch zwei kleine Torten besorgt. Alles in allem war es ein schöner Abend bei dem mir sogar schon die ersten traditionellen ecuadorianischen Tänze beigebracht wurden, was mich sehr gefreut hat.

Donnerstag, 22. August 2019

Von zu vielen Gedanken & singenden Autos

Abflug und Verkehr


Nun bin ich schon fast eine ganze Woche hier in Ecuador und es ist schon unglaublich viel passiert, aber ich fange einmal ganz von vorne an:
Alles fing letzten Donnerstag um 5 Uhr morgens an, als mich meine Eltern zum Flughafen gefahren haben. Beim Koffer aufgeben, gab es dann schon das erste Problem: Mein Koffer war 2,5 kg zu schwer, obwohl unsere Kofferwaage zuhause viel weniger angezeigt hatte. Aber alles handeln war vergebens. Also musste der Koffer mitten am Flughafen aufgemacht werden und schwere Sachen wie Sonnencreme, Aftersun Lotion, Duschgel und Shampoo mussten doch zu Hause bleiben und ein paar Klamotten wanderten in meinen Rucksack. Nun konnte es aber endlich losgehen! Nach der Verabschiedung von meinen Eltern ging es dann voll bepackt durch die Sicherheitskontrolle und schließlich zum Gate. Kurze Zeit später landete ich in Paris und dort begann dann das große Suchen. Es war zwar alles ausgeschildert, aber der Flughafen ist sehr groß und auf meinem Boarding pass standen zwei verschiedene Terminals. Nach einer Stunde und mit ein paar mal nachfragen, kam ich dann aber mit einer weiteren Freiwilligen schließlich am richtigen Gate zum Weiterflug nach Quito an. Dort hatten wir dann einige Stunden Zeit, bis das Boarding losging. Als wir aber kurz vor dem Einchecken immer noch zu zweit waren, fingen wir langsam an uns Sorgen zu machen. 15min nach Boarding-Beginn waren wir immerhin schon zu dritt und irgendwie schafften wir es dann alle auch noch rechtzeitig in unseren Flieger. Dann hatten wir 12 Stunden Flug vor uns. Am Anfang gab es gefühlt ständig Essen, die restliche Zeit verbrachte ich mit Lesen, Schlafen (bzw. versuchen zu schlafen) und nachdenken. Ich meine ich werde jetzt ein Jahr lang in Ecuador leben. Da kommen einem viele Gedanken in den Kopf. Vorher hatte ich viel organisatorisches geregelt und darauf geachtet beim Packen nichts zu vergessen, aber plötzlich ging es wirklich los. Der Tag war plötzlich so schnell gekommen und erst im Flugzeug habe ich realisiert, dass es jetzt losgeht. Damit kam natürlich auch die Angst. Was ist, wenn ich trotz meiner schon vorhandenen Spanischkenntnisse niemanden verstehe? Was ist, wenn ich mit der Arbeit nicht zurecht komme, oder das WG Leben nichts für mich ist? Ich mache mir gerne viel zu viele Sorgen, aber bei einem Jahr ist das glaube ich auch, zumindest etwas, verständlich. Doch plötzlich wurde mir bewusst, was für eine Ehre es für mich ist, diesen Freiwilligendienst antreten zu dürfen und das zu tun, was ich schon immer tun wollte. Und ganz ehrlich - was kann schon schiefgehen, was habe ich zu verlieren? Ich habe mir nach dem Abiturstress ein Jahr Zeit genommen um zu leben, um neue Erkenntnisse zu machen, mein Spanisch zu verbessern, eine andere Kultur kennen zulernen und mich sozial zu engagieren. Ich bin mir durchaus bewusst, dass nicht jeder die Möglichkeit dazu hat. Also warum nicht einfach mal leben, meine Energie wieder volltanken und mir keine Sorgen machen. Ich meine was soll schon passieren? Aus Fehlern lernt man und diese Möglichkeit werde ich in meinem Leben wahrscheinlich nie wieder bekommen. Mit diesem Gedanken konnte ich dann doch irgendwann einschlafen - wenn auch nicht für lange Zeit.


Eine Sache, die mir direkt am Anfang besonders ins Auge gestochen ist, ist der Verkehr hier. Als wir vom Flughafen mit einem großen Taxi zur WG in Quito gefahren sind, wurden unsere Koffer einfach mit einer Selbstverständlichkeit auf das Dach des Kleinbusses gelegt - ein Wunder, dass keiner runtergefallen ist bei der Fahrweise hier. Denn rote Ampeln werden komplett überbewertet und die Hupe wird hier schon lange nicht mehr nur als Warnsignal benutzt. Einer meiner Mitfreiwilligen hat die Verkehrslage hier ganz treffend beschrieben: "Verkehrsregeln gibt es, aber das ist mehr so eine Empfehlung". Außerdem lassen sich die meisten Autos und Taxis erst einmal bis zu einem halben Meter zurückrollen bis sie dann Gas geben, was der Hintermann nicht immer beachtet. Generell gibt es viel mehr Taxis als in Deutschland, die aber auch viel häufiger genutzt werden, was vielleicht daran liegt, dass es keine wirklichen Buspläne gibt und man, gerade wenn man neu in der Stadt ist, keine Ahnung hat wann und wo gerade der Bus abfährt, den man braucht. Bus fahren finde ich auch eine sehr interessante Erfahrung. Zuerst muss man dem Bus winken, da er sonst nicht anhält. Beim Einsteigen ist es dann meist so, dass nicht der Busfahrer, sondern eine andere Person das Geld einsammelt (in Quito meist 0,25 Dollar und in Ibarra meist 0,30 Dollar). Dadurch fährt der Bus meist schon mit offenen Türen los, wenn alle gerade eingestiegenen Personen noch im Gang stehen - und ich möchte die Fahrweise der Busfahrer ebenso nicht als sanft bezeichnen. Natürlich gibt es auch keine Anschnallgurte, also ist gut festhalten angesagt! Dies bezieht sich aber nicht auf die Reisebusse, welche durch verschiedene Provinzen fahren. Gerade genannte kann man sich schon eher wie deutsche Busse vorstellen: gepolstert und mit Anschnallgurt. Interessant ist auch, was sich in diesen Bussen alles so abspielt: Leute schminken sich oder stillen ihre Kinder im Stehen, es werden alle möglichen Früchte oder sonstiges verkauft, wieder andere versuchen mit ihrer Behinderung an Geld zu kommen oder verkleiden sich als Clowns und erzählen Witze. Des Weiteren ist es sehr auffällig, dass viele Leute auf der Straße laufen, was aber eigentlich kein Wunder ist, wenn man sich die Bürgersteige mal so anschaut. Da ist das Laufen schon fast eine Berg- und Talfahrt und sogar Stufen habe ich als Bürgersteig schon gesehen. Mein absolutes Highlight hier sind aber die Gasautos, also Autos die Gasflaschen transportieren und am Straßenrand dann verkaufen. Da in Ecuador sehr viele einen Gasherd haben, sind diese auch sehr beliebt. In der Hauptstadt Quito hört man sie ständig durch die Straßen fahren, weil sie eine sehr einprägsame Melodie ausstrahlen und somit nicht zu überhören sind. In Ibarra sind diese schon seltener und ausgerechnet dann als unsere Gasflasche leer war, meinten diese Autos auch streiken zu müssen, weil die Preise angehoben wurden. Da muss man dann erst mal kreativ werden. Und das alles habe ich nach noch nicht einmal einer Woche erlebt. Ich bin gespannt, was da noch alles auf mich zukommt :)